Susanne Pomerance

Malerei & Zeichnung

Meine Arbeiten entspringen dem Wunsch des Aufzeichnens meiner Umgebung – von dem, was ich sehe und was mich intuitiv anzieht. Dieser Ansatz entwickelte sich aus den Dirigentenzeichnungen und setzte sich in den Bildern fort, die gewissermaßen »durch Glas gesehen« sind. Es sind Aufzeichnungen städtischer Situationen in Duisburg und Berlin, später meiner ländlichen Umgebung in Brandenburg. Das Verweilen an einem zu zeichnenden Ort, das genaue Hinsehen und das Aufzeichnen der reinen Linie ist über einen großen Zeitraum meine Art zu arbeiten geblieben und verankert mich dort, wo ich lebe. Kunst ist für mich auch ein Wechselspiel innerer und äußerer Gegebenheiten.

Neben dem Cello

Yehudi Menuhin, Lorin Maazel und Simon Rattle: einige der Dirigenten, deren Handbewegungen ich aufzeichnete. Ein Blatt, ein sinfonischer Satz – das war das Konzept. Ich saß mit gutem Blick auf den Dirigenten mitten im Orchester und übertrug beidhändig seine Bewegungen mit Bleistift auf Papier. So entstanden individuelle Handschriften und ein wenig auch visuell erlebbare Musik.

Stadtlandschaften

Sehr lange beschäftigte mich die Frage, wie ich malerisch und konzeptionell an die Dirigentenbilder anschließen konnte. Meine Antwort waren die Glasbilder. Nur noch manchmal, wenn z.B. ein Radfahrer durch den Bildausschnitt fuhr, blieben es Bewegungsaufzeichnungen. Diese neue Art der zeichnerischen und malerischen Mitschrift forderte die gleiche Konzentration auf den Augenblick.

Am Wegesrand

Der Schritt zur rein linearen Schwarz-Zeichnung auf durchsichtiges Glas war für mich eine konsequente Weiterführung. Und durch den Umzug auf das Land wurde auch das Thema ein anderes: die unscheinbare, unkultivierte Vegetation am Wegesrand.

Kleine Landschaften

Schlichte Landschaft vor der Nehrung, vor Usedom. Der heiße Sommer 2006 war für mich ein Sommer ohne Auto, also auch ohne große Glasbilder und somit der Beginn der »Fahrradlenkerbilder«. In den Fahrradkorb musste alles passen: die Ölfarben, die Pinsel und der Malkarton. In dieser Zeit gab es kein langes Verweilen an einem Ort, sondern ein schnelles Skizzieren vom Weg aus.

Blicke ins Land

Bei einem Landschaftssymposium in Schwedt an der Oder setzten riesige, unbedruckte Zeitungspapiere und ein großer ruhiger Arbeitsraum ein neues, manchmal sehr vermisstes Vergnügen an malerischen Schichtungen und Verwischungen frei. Gestische Kreideschwünge lösten die Linien auf und nahmen sich einen eigenen, neuen Raum.

Innenansichten

Das Medium der Tusche, manchmal pinselleicht fließend, manchmal suchend eigen­willig, ist für mich eine Technik der Intuition und manchmal des inneren Aufarbeitens.

Zarte Landschaften

Viele Schichten feiner Bleistiftstrichelungen fügen sich zu ruhigen Waldlandschaften. Die kleinteilig sachten Übergänge in den Graustufen ergeben schließlich aber doch eine räumliche Genauigkeit, die dem lockeren Arbeitsprozess fast nicht zu entsprechen scheint.

Auszug eines Ausstellungsgesprächs (2015)

Warum entschieden Sie sich ausgerechnet für das Sujet Landschaft bzw. Umgebung?

Während und nach meinem Studium habe ich mich relativ lange mit den Dirigentenbildern beschäftigt, das heißt ich habe die Bewegungen der Hände des Dirigenten während des Dirigierens, im Orchester sitzend, mitgezeichnet, im Sinne von nachvollzogen. Dabei ging es um das reine Aufzeichnen und um keinerlei Interpretation. Für mich war es erstaunlich, wie viel Musik zu sehen, obwohl nichts zu hören ist.

Diesen Ansatz, nur einen Aspekt herauszunehmen, einen ungewöhnlichen Blickwinkel konsequent umzusetzen, habe ich im Prinzip in den Glasbildern auch auf die Landschaft angewendet. Zuerst die reinen Linien aufzuzeichnen, ohne schon zu Beginn kompositorische Schwerpunkte zu setzen, das Netz von Strichen und Formen der Natur auszulegen, das später im Atelier zu der gesehenen und erinnerten Landschaft mit Komposition und Tiefe wird. Dieser Prozess überrascht mich jedes Mal von Neuem und spornt mich an. Ich nehme die Landschaft zuerst auseinander, reduziere sie auf einen linearen Rhythmus und setze sie dann wieder zusammen. Der Faktor Zeit spielt natürlich eine Rolle, auch gerade deshalb, weil ich sie komplett vergesse. Wohl nie habe ich so lange, also stunden- oder tagelang an einem Punkt gestanden und so genau hingesehen wie an den Orten, an denen die Glaszeichnungen entstanden sind, oft eher unspektakuläre und alltägliche Situationen, die Alle kennen und an denen man normalerweise wohl eher vorbeigeht.

Inwieweit ist die Darstellung Abbild bzw. Reflexion? Bzw. dominiert in Ihrer Arbeitsweise die gedankliche Auseinandersetzung oder der expressive Akt?

Wenn ich zwischen diesen zwei Begriffen wählen muss, dann ist es wohl eher die gedankliche Auseinandersetzung, denn der expressive Akt ist es ganz sicher nicht. Eher nach Paul Klee: »Zeichnen ist die Kunst, Striche spazieren zu führen.«

Begründen Sie die Wahl Ihrer Technik(en) bzw. Malmittel.

Im Studium sollte ich mich am Anfang zwischen der Zeichen- und der Malklasse entscheiden. Das hat mich schlaflose Nächte gekostet und ich glaube, ich habe immer die Schnittkante zwischen beiden Genres gesucht, so etwas wie eine malerische Zeichnung.

Das gilt natürlich auch für die Kohle- und Kreidearbeiten. Meistens suche ich nicht die farbliche Umsetzung, sondern genieße es, kleine Nuancen und Farbsprünge zu finden, denen man die Farbe gar nicht auf Anhieb ansieht. Ab und an aber fehlt sie mir plötzlich sehr und dann entstehen zum Beispiel farbige Landschaften (Fahrradlenkerbilder) oder Stilleben (Hommage an Paula und Matisse).

Die Kohle bzw. Kreide lässt es für mich zu, leicht zu bleiben. Wenn etwas zu fest wird, kann ich es durch einen Wisch auflösen und es ist trotzdem noch da. Es entstehen Verdichtungen, Überlagerungen und Prozesse, die weniger gesetzt sind, sondern eher Wege, die sich in der Arbeit wie zufällig eröffnen, so als käme man plötzlich an eine Lichtung. Insofern empfinde ich eine gute Zeichnung als Geschenk.

Nennen Sie drei Adjektive, die Ihr Werk Ihrer Meinung nach am treffendsten beschreiben.

ruhig, rhythmisch, kleinteilig

Suchen Sie über Ihre Kunst Kontakt zum Betrachter? Das heißt gibt es eine Bildaussage, die Sie mitteilen möchten?

Eigentlich nicht. Vielleicht, dass es auch das Alltägliche wert ist genauer betrachtet zu werden, auch der Straßenrand oder der Giersch im Garten. Ich möchte die Eile herausnehmen, das ewige Suchen in der Ferne.

Allerdings wäre ich manchmal auch in der Kunst wirklich gerne politischer, würde zu vielen aktuellen Fragen mehr Stellung beziehen. Das geht für mich aber eher über Sprache und soziales Engagement.

Ich habe acht Jahre im Vorstand des Brandenburgischen Verbands Bildender Künstler (BVBK) gearbeitet, sowie im Vorstand der Kulturmühle Perwenitz, einem Kulturort in meiner Nähe, an dem Künstler leben, arbeiten und Kunst vermitteln. Neben vielen Ausstellungen veranstalteten wir unter anderem auch Projekte mit Schulverweigerern.

Ich möchte Leben, Alltag und Kunst verbinden. So geht zum Beispiel mein Wohnzimmer nahtlos ins Atelier über, die Rosen vor dem Haus wachsen fast zum Fenster herein und mein Garten ist weniger farbig als von den unterschiedlichen Blattformen und -rhythmen geprägt.

Die Fragen stellte Denise Constanze Essig im Kontext der Ausstellung »LandSTRICHE« im Kulturhaus BASF, Schwarzheide.

Susanne Pomerance

1957Geboren in Neuenhaus,
Kreis Grafschaft Bentheim
1976
1981
Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie, Münster und Berlin
1990
1998
Studium der Freien Kunst bei Prof. Peter Nagel, Muthesius-Hochschule Kiel
seit
2000
Tätigkeit als freischaffende Künstlerin in Birkenwerder
2003Gründung einer Malschule für Erwachsene und Kinder
2005
2013
Mitglied im Vorstand des Brandenburgischen Verbandes Bildender Künstler (BVBK)
2007
2014
Mitglied im Vorstand der Kulturmühle Perwenitz e.V.
2018Gründungsmitglied der Kommunalen Galerie 47 Birkenwerder e.V.

Einzelausstellungen

2015LandSTRICHE (mit Anna von Glasow), Kulturhaus BASF, Schwarzheide
2012Transparenz und Dichte (mit Ingo Kuzia), Galerie »M«, Potsdam
2010Bild und Klang – Durch Glas gesehen (mit Sven Bernsmeister), Stolpe
2009Schwarz und Weiß (mit Kathrin Harder), Galerie »M«, Potsdam
2007Transparente – Linien auf Glas, Kunstverein Frankfurt (Oder)
2006Landschaften – Linie und Fläche auf Glas und Leinwand (mit Sabine Jahnke), Klosterscheune Zehdenick
2005Blätterlicht und Raubfische (mit Heike Isenmann), Galerie »M«, Potsdam
2004Schönberg – Dirigentenzeichnungen, Gertraudenstraße, Berlin
2001Leitlinien – Bewegungen eines Dirigenten, Emsbüren
1998Aufsichten – Notierungen einer Stadt, Galerie im Treppenhaus, Berlin
1998Skripturale Malerei, Galerie Brunswiker Pavillon, Kiel

Ausstellungen (Auswahl)

2021Prima Idea – Klasse Peter Nagel, Kunsthalle Kiel
2015Art Brandenburg, Potsdam (auch 2013, 2011, 2009)
2011querbeet, Kulturmühle Perwenitz
2010Brandenburgischer Kunstpreis, Schloss Neuhardenberg (auch 2009, 2006, 2005)
2010Quatre Quarts – Kunst im Gewölbe, Berlin-Spandau
2009Urstromtal, Kunstspeicher Schwedt (Oder)
2009Temporäre Galerie Birkenwerder
2008In die Ferne – ganznah, Kulturmühle Perwenitz
2007Horizonte – Kontraste, Paula Modersohn-Becker Museum, Worpswede
2007Hommage an Paula Modersohn-Becker, Ministerium für Kultur, Erziehung und Sport, Potsdam
2007Kunstloose Tage (mit Susanne Stühr), Oderbruch Neubarnim
2006NordArt, Rendsburg-Eckernförde
2003Galerie BBK Rheinland-Pfalz, Mainz
2003Galerie Sztuki Wspolczesnej, Opole (Polen)
2003Museumshaus »Im Güldenen Arm«, Potsdam
2001XI. Ausstellung der IG Duisburger Künstler, Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg (auch 2000)

Stipendien & Symposien

2009Internationales Landschaftspleinair »Urstromtal«, Schwedt (Oder)
2007Aufenthaltsstipendium Kunstverein Frankfurt (Oder)
2003Oder-Spree-Symposion, Schöneiche
1994Tysk og Dansk Studerende, dänisches Stipendium für Kunststudierende
Atelier Susanne PomeranceEichholzstraße 1916547 Birkenwerder s.pomerance@web.deImpressum & Datenschutz